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Spielfilm als (inter)kulturelles Lernmoment in der Sekundarstufe II

Janina Vernal Schmidt

Betreuer: Prof. Dr. Andreas Grünewald

Interkulturelles Lernen und das Konzept der interkulturellen (kommunikativen) Kompetenz wurden in der Fachdidaktik jahrelang intensiv diskutiert. Interkulturelles ist von hoher Relevanz für die Disziplin, denn „Sprache und Kultur sind untrennbar miteinander verbunden, […] Kultur wird durch Sprache repräsentiert und drückt sich in ihr aus“ (Göbel 2007: 36).
Inzwischen scheint die Diskussion um die Interkulturalität abzuflauen, es zeigen sich große Schwierigkeiten, die u.a. aus der gewünschten Verbindung des „hermeneutisch-kulturwissenschaftliche[n] Diskurs[es] innerhalb der Fremdsprachendidaktik“ mit dem „aktuellen Diskurs der Kompetenzorientierung“ (Hu 2010: 61) resultieren. In Folge dessen muss die Frage gestellt werden, ob es überhaupt realistisch ist, ein der Vielschichtigkeit und Komplexität angemessenes Kompetenzstruktur- und Kompetenzentwicklungsmodell zur interkulturellen Kompetenz entwickeln zu wollen (vgl. auch Frederking 2008).

Dennoch ist und bleibt die Kulturdidaktik ein wichtiger Bestandteil des Spanischunterrichts. Und dieser hat auch die Aufgabe, junge Menschen im Sinne Humboldts zu bilden, sie auf gesellschaftliche, soziale, kulturelle und diskursive Anforderungen für ihr zukünftiges Leben in einer von Digitalisierung, Globalisierung, Diversifizierung und Individualisierung geprägten Gesellschaft vorzubereiten. Idealerweise kann es allen Schülern ermöglicht werden, „auf selbstbestimmte Weise in einer Gesellschaft leben“ (Hallet 2009: 31) und aktiv an wichtigen gesellschaftlichen Prozessen partizipieren zu können. In diesem Rahmen haben Fachdidaktiker wiederholt auf die besondere Eignung authentischer zielsprachlicher literarischer und filmischer Texte aufmerksam gemacht. Die Texte eröffnen den Schülern eine „metakulturelle Reflexionsebene“ (Hallet 2010: 156). Bspw. können die Schüler mittels Perspektivwechsel oder Empathie dazu angeregt werden, sich ihren kulturellen Prämissen bewusst zu werden, neue Sichtweisen und alternative Handlungsoptionen kennenzulernen. Dabei ist der verantwortungsbewusste Umgang mit Kulturkonzepten von hoher Relevanz: Begriffe prägen unser Verständnis von ihnen und haben Auswirkungen auf unser Handeln (vgl. Welsch 2009). D.h. je nachdem welches Kulturverständnis (implizit) vermittelt wird, werden die Schüler diesen in ihren (kulturellen) Handlungen in ihrem lebensweltlichen Umfeld umsetzen.

An dieser Erkenntnis setzt die geplante Studie an: Es soll um die Möglichkeiten gehen, die ein spanischsprachiger Spielfilm den Schülern bietet, auf der ,metakulturellen Reflexionsebene’ filmisch vermittelte Kulturkonzepte zu erkennen. Konkret wird erforscht, wie sich die Rezeption einer Filmsequenz und die Bearbeitung von Lernaufgaben zu dieser auf das Kulturverständnis der Schüler auswirkt. Die Lernaufgaben sollen sich dabei vor allem auf die im Film dargestellten critical incidents d.h. interkulturell aufgeladene Grenzsituationen beziehen, es soll das Filmerleben dokumentiert und die filmischen Szenen im Gruppendiskurs gemeinsam ausgehandelt werden. Sowohl die Schülerprodukte im Anschluss an die Rezeption als auch der Gruppendiskurs bei der Bedeutungsaushandlung spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie bieten das Datenmaterial, anhand dessen ich versuche, die Kulturkonzepte der Schüler, d.h. deren ,metakulturellen Reflexionen’ zu rekonstruieren. Bisher gibt es nur wenige empirische Untersuchungen, die sich konkret damit auseinandersetzen, wie und in welchem Ausmaß sich bei Schülern bei der Rezeption eines zielsprachlichen Films die gewünschten kognitiv-emotionalen Zustände einstellen (vgl. jedoch Freitag-Hild 2010: 159-196) und zudem herauszufinden versuchen, welche Rolle dabei die Lernaufgaben spielen. Auch ist es möglich, dass die individuellen Erfahrungshintergründe der Schüler einen Einfluss auf ihr Kulturverständnis nehmen. Diese Forschungslücke möchte ich mit meinem Forschungsvorhaben in Angriff nehmen.

Aus dem oben dargestellten Erkenntnisinteresse lassen sich folgende Forschungsfragen ableiten:

  1. Inwiefern bietet das Medium Spielfilm einen geeigneten Lernanlass zur metakulturellen Reflexion?
  2. Inwiefern sind Lernaufgaben dafür geeignet, Schüler zur Reflexion über ihre eigene kulturelle Identität(en) und über anderskulturelle Lebenswelten anzuregen?
  3. Welche Rolle spielen dabei die individuellen Erfahrungsräume der Schüler?

Die Datenerhebung teilt sich in zwei Schritte auf:
Zunächst werden anhand von Fragebögen die impliziten und individuellen Wissensbestände und Orientierungen bzgl. des Kulturverständnisses der Schüler empirisch herausgearbeitet. Auch werden soziodemographische Daten erhoben, um auf mögliche Zusammenhänge zwischen individuellem Hintergrund und Art des Denkens hinweisen zu können.
Der zweite Teil der Studie ist als ein Quasi-Experiment im Rahmen eines Vorher-Nachher-Designs ohne Kontrollgruppe angelegt. Bei diesem rezipieren drei Schülergruppen à zwei/drei Personen am Computer eine Filmsequenz. Während der Rezeption und der Anschlusskommunikation werden sie mithilfe einer Bildschirmaufnahmesoftware und einer weiteren Kamera auf Video aufgezeichnet. Im ersten Durchlauf geschieht die Rezeption ohne Lernaufgabe (Vorher), beim zweiten Durchlauf rezipieren die Schüler die gleiche Szene mit einer Lernaufgabe (Nachher). Methodisch ordnet sich meine Studie in das Paradigma der qualitativen, vornehmlich der rekonstruktiven Sozialforschung ein. Die Auswertung der Daten geschieht mithilfe der dokumentarischen Methode (vgl. Bohnsack et al. 2007). Die Methode wird dem Erkenntnisinteresse und dem Gegenstand gerecht: Zum einen kann sie für die Analyse dessen, was der Begriff Kultur für die einzelnen Schüler darstellt, fruchtbar gemacht werden. Zum anderen kann mit der dokumentarischen Methode eine Rekonstruktion der kollektiven impliziten Wissensbestände und der impliziten Regeln der sozialen Handlungspraxis der Schüler herausgearbeitet werden. Möglicherweise kann so auf den Einfluss der Lernaufgabe auf die Veränderung der Kulturverständnisse der Schüler hingedeutet werden.

Bibliographie:

Bohnsack, Ralf; Iris Nentwig-Gesemann & Arnd-Michael Nohl (Hrsg.) (2007). Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Wiesbaden: VS Verlag.

Frederking, Volker (Hrsg.) (2008). Schwer messbare Kompetenzen. Herausforderungen für die empirische Fachdidaktik. Baltmannsweiler: Scheider Hohengehren.

Freitag-Hild, Britta (2010). Theorie, Aufgabentypologie und Unterrichtspraxis inter- und transkultureller Literaturdidaktik. British Fictions of Migration im Fremdsprachenunterricht. Trier: WVT.

Göbel, Kerstin (2007). Qualität im interkulturellen Englischunterricht. Eine Videostudie. Münster: Waxmann.

Hallet, Wolfgang (2009). „Grundlagen und Perspektiven einer neuen Romandidaktik.“ In: Ders. & Ansgar Nünning (Hrsg.). Handbuch Romandidaktik. Theoretische Grundlagen, Methoden, Lektüreanregungen. Trier: WVT, 29-52.

Hallet, Wolfgang (2010). „Kulturdidaktik.“ In: Carola Surkamp (Hrsg.). Metzler Lexikon Fremdsprachendidaktik. Stuttgart: Metzler, 152-156.

Hu, Adelheid (2010): „Aspekte der Evaluation interkultureller Kompetenzen im Fremdsprachenunterricht.“ In: Anette Berndt & Karin Kleppin (Hrsg.). Sprachlehrforschung. Theorie und Empirie. Festschrift für Rüdiger Grotjahn. Frankfurt a. M. u.a.: Lang, 61-71.

Welsch, Wolfgang (2009). „Was ist eigentlich Transkulturalität?“ In: Lucyna Darowska, Thomas Lüttenberg & Claudia Machold (Hrsg.). Hochschule als transkultureller Raum? Kultur, Bildung und Differenz in der Universität. Bielefeld: transcript-Verlag, 39-66.

(Promotionsvorhaben, Betreuer: Prof. Dr. Andreas Grünewald, Prof. Dr. Lutz Küster)